Wenn ich das wüsste

Krieg und Terror im Mittleren Osten, wie wär’s mal aus einer anderen Sicht?

Beim Lesen der Nachrichten aus dem Mittleren Osten geht mir ein Zitat von Mahatma Gandhi einfach nicht aus dem Kopf, das da heisst: „Die Geschichte lehrt uns, dass uns die Geschichte nichts lehrt“. Und wenn ich so darüber nachdenke, denke ich, der Mann hatte Recht. Wie traurig! Wenn die Menschheit schon nicht schlauer, weiser, gerechter oder wenigstens vernünftiger im Umgang miteinander geworden ist, sollten wir doch endlich darauf hoffen dürfen, vom Weltkrieg nur noch in Geschichtsbüchern zu lesen. Doch leider, angesichts der eskalierenden Gewalt und Konflikte, insbesondere im Mittleren Osten, gibt es sie wieder, die Angst vor einem neuen Weltkrieg.

In einem Anflug von kindlicher Naivität und westlichem Dominanzdenken frage ich mich manchmal, was oder wer das verhindern kann? Brauchen wir etwa, damit endlich alle lernen, miteinander friedlich umzugehen, einen Anführerstaat, eine allmächtige Supermacht, wie z.B. die USA, eine Big Brother Weltregierung, die bestimmt und uns vorschreibt, was richtig ist? Oder sollen die reichen Staaten des Westens noch mehr aufrüsten, um alle anderen, die anders denken und aufmüpfig sind, einzuschüchtern? Sollten wir versuchen den Kapitalismus und Konsum anzukurbeln, um alle Menschen materiell zufriedenzustellen, damit sie keinen Grund mehr haben, sich zu bekriegen? Vielleicht hilft die vollkommene Globalisierung, eine Art weltumfassende plastische Gehirnchirugie, damit alle gleich denken, fühlen und handeln? Wohl kaum.

Anleitungen zu einem besseren und gerechteren Leben finden wir ausreichend in allen Religionen, antiken oder modernen Ideologien und Philosophien. Aber was nutzen uns deren Gebote und Verbote, oder Ideen, wenn sich die Menschen am Ende doch nur gegenseitig an die Kehle springen, weil sich jeder im Recht fühlt, und der Bösere von ihnen droht zu siegen, wie bei Kain und Abel? Heute noch höre ich meine Grossmutter sagen, die zwar zwei Weltkriege überlebte, aber die das Chaos und Leid, das dadurch entstanden war, bis an ihr Lebensende nicht fassen konnte: „Der Mensch hat doch Wissen und Verstand, warum gebraucht er sie nicht?“. Wie wahr, denn leider scheint das Wissen um die Greuel der vergangenen Kriege, neue nicht zu verhindern; noch scheinen die furchtbaren Erlebnisse der verheerenden Auswirkungen von Hiroshima und Nagasaki, aber auch Tschernobyl, die Bereitschaft zu einer neuen atomaren Katastrophe zu verringern.

Der schiitisch-islamische Philosoph Dr. Ali Shariati, der ein Zeitgenosse Jean Paul Satres war und an der Sorbonne studierte, schrieb in seinem Buch „Hajj“ (Seite 67) über das „Wissen“:
„Es gibt kein gutes oder schlechtes Wissen. Wissen kann zum Dienen oder Betrügen genutzt werden; Reinheit oder Unreinkeit haben darin keine Bedeutung. Wissen ist Wissen, ewiglich und überall, es ist das gleiche für Muslime und Nicht-Muslime, für Leute und deren Feinde, und für Dienende wie für Betrüger! Begrenzungen existieren nur durch das ‚Gewissen‘ – die Macht, die das Wissen gebraucht, um ihm eine Richtung zu geben und in Moral oder Unmoral zu enden, Friede oder Krieg, und Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit.“

Tatsächlich ist Wissen allein neutral, wie die gedruckten Worte in einem Lexikon. Erst Wissen verbunden mit Gewissen oder aber Gewissenslosigkeit helfen den Menschen, ihre Absichten und Machtansprüche umzusetzten. Und darin liegt der springende Punkt. Denn Wissen bildet, vorallem eine Meinung in den Köpfen der Menschen. Genauso wie das Unwissen oder Mangel an Wissen Vorurteile und falsche Schlussfolgerungen bildet. Übertragenes Wissen, sei es durch die Medien oder andere Formen, kann mitunter, beabsichtigt oder unbeabsichtigt, daher auch Schaden anrichten, siehe das „Wissen“ über angebliche Massenvernichtungswaffen im Irak.

Seit der Zulassung des Satellitenfernsehens (das nicht immer erlaubt war) vor einigen Jahren in meinem Wohnort Bahrain, empfangen wir nicht nur arabisches, sondern auch deutsches Fernsehen. Es wundert mich leider jedoch immer wieder, wie unausgewogen manche Berichte in der deutschen Presse sind, was nicht weiter schlimm wäre, wenn die Leser oder Zuhörer auch andere Berichterstattungen lesen oder sehen würden. Einseitige Berichterstattung ist wie einseitige Kost, zu viel davon bekommt uns nicht. Interessiert es denn keinen, was die Berichterstatter im Mittleren Osten zu sagen haben oder deren Meinungen zu dem ganzen Terror und Krieg in ihrer eigenen Region? Wenn wir verhindern wollen, uns auf ein bestimmtes „Wissen“ zu beschränken, das die Grundlage unserer Meinung und unseres Verständnisses bilden, dürfen wir uns nicht länger auf eine einseitige Wissensaufnahmequelle beschränken. Denn Berichterstattung, wenn sie es auch anstrebt, kann nicht völlig neutral sein, sind doch deren Berichterstatter geprägt von Erziehung, Ausbildung, Kultur, Tradition, Einstellung und Überzeugung. Im Zeitalter des Internets und der Satellitentechnologie ist jedoch eine globale Wissensabfrage und Aufnahme möglich und sollte von Menschen, die sich eine informierte Meinung bilden wollen, ausgiebig genutzt werden.

Im Falle eventueller Zweifel an der Objektivität oder Sachlichkeit der arabischen oder auch persischen Presse, sollte man sich trotzdem nicht wenigstens näher informieren, bevor man darüber urteilt oder sie verurteilt? Mittlerweile gibt es unzählige arabische Satelittenkanäle mit Internetseiten (auf Englisch und sogar mit Nachrichten in Deutsch, Französisch oder Russisch, siehe unten), wo man sich ausgiebig informieren kann über die „andere Seite“ und vor allem aus deren Sicht. Auch wenn man als europäischer Betrachter sicherlich Grund zur Kritik finden wird, verspreche ich eine Bereicherung an Informationen und Wissen, die zumindest zum Nachdenken über manche festgefahrenen Ansichten von den „Arabern“ oder „Moslems“ anregen, und im Idealfall mein persönliches Wunschziel realisieren könnten, die Verständigung der zwei Welten zu verbessern. Das Wissen über andere Menschen und deren Lebensgewohnheiten, Hoffnungen und Ängste ist der erste Schritt in Richtung Verständigung (als Verbindung zwischen Wissen und Verstand) – eine Grundlage für Frieden.

Trotz aller Erkenntnisse und einer anfänglichen Multi-Kulti-Trend Euphorie in Europa, scheint etwas nicht genug Beachtung zu finden. Es ist notwendig, andere Menschen aus anderen Kulturen auch über deren Kochkünste hinaus besser kennenzulernen und offener für andere Lebensweisen und Einstellungen zu werden. Sachliche Kritik muss in diesem Prozess erlaubt sein, aber Toleranz darf ihr niemals zum Opfer fallen, nur so kann man ein Fremd- oder sogar Feindbild revidieren, und den ersten Schritt in Richtung Völkerverständigung tun. Vielleicht schaffen wir es eines Tages, das zu erreichen was Friedrich Schiller (in „Über Anmut und Würde“, 1793) schon längst verstanden hat und wusste: „Der bloß niedergeworfene Feind kann wieder aufstehen, aber der versöhnte ist wahrhaft überwunden.“

Anmerkung:
Arabische Nachrichten Satelittenkanäle (auch im Internet zu finden) mit Programmen in Englisch und anderen Sprachen:
Al Arabia
Al Manar
Al Jazeera
MBC 1
NBN International
Al Hurra

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