Vorurteile und andere Irrtümer

Eigentlich sollte mein Mann ja seine Cousine väterlicherseits heiraten, wie es heute noch oft genug praktiziert wird im arabischen Golf (ja, richtig gelesen, die Araber bestehen darauf, dass der arabisch ist und nicht persisch). So bleibt das Geld wenigstens in der Familie und man kennt sich, das erspart einem manchmal unangenehme Überraschungen.

Doch es kam ganz anders. Denn erst einmal sollte der Sohn was Ordentliches lernen und so wurde er nach England geschickt, um dort zu studieren; wie so viele junge Männer aus diesem kleinen Insel Ölland, das hauptsächlich deshalb aus über 40% Ausländern besteht, weil es noch immer nicht genug einheimische Ärzte, Ingenieure, Architekten, Lehrer und überhaupt alle anderen Fachleute gibt.

Doch, wie nicht auszuschliessen war während eines Studiums in England mit Studenten aus aller Welt, lernte er eine junge Frau aus dem Westen kennen, und ausgerechnet eine aus dem Rheinland, mich. Lange Rede, kurzer Sinn, nach wenigen Jahren stand fest, derweil ich durch mein Arabischstudium zum Islam übergetreten war, dass er mich heiraten und mit in sein Land nehmen wollte. Ich sagte ja.

Erst einmal kehrte er allein nach Hause zurück, damit er seine Familie vorbereiten konnte, mit dem Resultat, dass ein Familiendrama ausbrach. Der reiche, aber enttäuschte Onkel, dessen Tochter er die Heirat ausgeschlagen hatte, war zutiefst gekränkt und drehte kurzer Hand den Geldhahn für das Studium zu. Seine Mutter brach in Tränen aus. Ihre gemeinen Schwägerinnen spotteten noch zu allem Übel über diese verrückte Auswahl. Sein Vater fing das Kettenrauchen an. Und die weiblichen Familienmitglieder versuchten, die Entscheidung abzuwenden, indem sie tagtäglich Fotos heiratswilliger und schöner einheimischer Mädels anschleppten, gemäss der üblichen Heiratsvermittlungsprozedur. Aber alle Bemühungen blieben erfolglos, selbst die „handfesten“ Argumente der Familie zogen nicht, dass Frauen aus dem Westen bekanntlich „leichte“ Mädchen seien, denen man als Ehefrauen nicht trauen konnte; auch dass die „Inglies“ (wie alle aus dem Westen einheitlich genannt wurden, also „die Engländer“) nicht sauber seien und stinken mussten, weil sie sich nach dem Toilettenbesuch nicht die entsprechenden Körperteile mit reichlich Wasser wuschen, und ausserdem wussten sie nichts oder nur sehr wenig über meine Herkunft. Wer konnte schon wissen, aus was für Verhältnissen ich stammte, denn die Familie heiratet man in Arabien immer gleich mit. Ausserdem konnten die jungen Westmädchen bestimmt nicht kochen und waren in der Funktion der Haushälterin total unbegabt.

Einige Zeit später, nachdem sich die Gemüter beruhigt hatten und mehrere der männlichen Familienmitglieder extra angereisst waren, um mich zu ‚begutachten‘, wurde der Termin für unsere Hochzeit festgesetzt, und ich flog in meine neue Heimat, eine kleine Insel mitten in Arabien, Bahrain. Zur Hochzeit wurden „nur“ die engsten Familienmitglieder, ca. 200 Leute, eingeladen, wegen der Peinlichkeit, dass der Sohn einer traditionellen und geachteten Familie eine Ausländerin, wenn auch Muslimin, heiratete. Mir jedenfalls machte die „kleine“ Anzahl der Gäste gar nichts aus, ausserdem konnte ich noch nicht alles verstehen, sprach ich erst mal nur Hocharabisch (was in den Ländern Arabiens nicht gesprochen wird) und etwas ägyptischen Dialekt, immerhin.

Nach wenigen Stunden allerdings löste sich die Anspannung, denn ich hatte durch viele Auslandsaufenthalte genug Erfahrungen gesammelt und die Erkenntnis gewonnen, dass ich mit Einfühlungsvermögen und Verständnis, auf die Menschen zugehen musste, die jetzt meine neue Familie waren. Ich wusste um ihre Ängste und Unsicherheit. Und mal ehrlich, würde ich mich wohl anders fühlen, wenn, sagen wir, mein Bruder, eine Fremde, die noch nie in Deutschland gelebt hat, sondern aus einer mir völlig unbekannten Kultur kommt, heiraten wollte? Ich konnte verstehen, dass sich die Familie Sorgen machte. Die nächsten Tage verbrachte ich deshalb damit, meiner Schwiegermutter in der Küche und im Haus zur Hand zu gehen, um auf sie zuzugehen und damit wir uns besser kennenlernen konnten. Und sie stellte mit Zufriedenheit fest, dass ich sehr wohl im Haushalt zu gebrauchen war, was ich nicht zuletzt meinem Jahr als Au-Pair Mädchen in London zu verdanken hatte. Beim Reislesen kamen wir uns dann immer näher, was sich ausserdem noch als hervorragender Sprachunterricht für mich herausstellte.

Innerhalb weniger Tage war das Eis gebrochen und sie hatte mich in ihr Herz geschlossen. Zum Beweis bekam ich von meiner Schwiegermutter beim Essen (auf dem Boden und mit den Händen essend, versteht sich) ein Stück Fleisch von ihrer Seite des riesen Tablets mit Reis und Hähnchen auf meine Stelle hingeworfen, als Zeichen dafür, dass sie mich mochte. Die anderen Familienmitglieder hielten die Luft an, um zu sehen, wie ich auf die doch sehr alte und mir vielleicht unappetliche Sitte, reagieren würde. Ich lächelte dankend und ass. Es gab noch einige Begebenheiten, über die wir heute lachen und an die wir uns gerne erinnern. Schon lange bin ich die Lieblingsschwiegertochter der Familie meines Mannes und geniesse ihren vollen Respekt.

Übrigens, die Schwägerinnen meiner Schwiegermutter, die vor unserer Hochzeit bissige und hämische Kommentare ausgeteilt hatten, haben mittlerweile auch verheiratete Kinder; die eine hat eine japanische Schwiegertochter und die andere einen deutschen Schwiegersohn! Tja, wie sagt man so schön im Rheinland, spotte nicht mit Üllen, dat geben dicke Büllen.

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