Gerechtigkeit oder Realsatire?

Im arabichen Fernsehen kann man die Gerichtsverhandlung des Diktators Saddam Hussains live verfolgen. Wenn man es sich denn antun will.

Auf mehreren arabischen Fernsehkanälen wird die Gerichtsverhandlung des ehemaligen irakischen Präsidenten und Diktators seit Anbeginn live übertragen. Dieser sitzt zusammen mit seinen engsten ehemaligen Regierungsvertretern, von denen einige gleichzeitig mit ihm verwandt sind, auf den Anklagestühlen, umringt von einem hölzernen, hüfthohen Geländer, vor dem Richter. Die Verteidiger sind am Rande des Gerichtsraumes platziert und haben unterschiedliche arabische Nationalitäten. Ein Verteidiger kommt z.B. aus Bahrain, meinem Wohnort seit 16 Jahren. Der Richter ist ein weisshaariger Mann, der mitunter sehr genervt aussieht. Aus gutem Grund; gleicht seine Verhandlung doch oft einer real Satire, deren Angeklagten, die Verantwortlichen des vorherigen Schreckens des Iraks höchst persönlich, zu Schauspielern geworden sind, die dem Anschein nach ein makaberes Kabarett vorführen wollen.

Mussten die interessierten Zuschauer der Verhandlung doch vor einiger Zeit mitansehen, wie einer der Angeklagten in seinem Schlafanzug, ungewaschen und verknittert wie ein trotziges Kind mit dem Rücken zum Richter auf dem Boden der Anklage sass, seine Ellebogen auf den angezogenen Knien gestützt und seine Hände in die Haare gerauft. Der Grund, er war unfreiwillig aus seiner Zelle zur Verhandlung gebracht worden. Und ich dachte, Micheal Jackson, der einmal in seinen Pyjamahosen und Hauspantoffeln zu seinem Gerichtstermin erschien, war schon reichlich bizarr.

Wenn man die Geduld aufbringen kann, die Wutausbrüche der Angeklagten, deren Beschimpfungen des Richters und die ständig inszenierten Unterbrechungen zu beobachten, dann wird man Zeuge einer zynischen Aufführung seitens der Angeklagten, die regungslos oder mit verachtendem Blick, den Zeugenaussagen der bisher angehörten Opfern ihrer grausamen Regierung, zuhören, oder diese Zeugen auch zwischendurch beschimpfen.

Die Zeugen sagen hinter einem dicken Vorhang aus, in ein Mikrophon, das deren Stimmen unkenntlich ertönen lässt, um Beweise gegen die Angeklagten vorzubringen, ein Zeugnis von grausamer Verfolgung, unvorstellbarer Folter und extremer Menschenrechtmissachtung. Neu sind die furchtbaren Geschichten, die sie berichten müssen, bedauerlicherweise nicht, nur diesmal hören wir sie aus dem Mund der Opfer selber. Doch leider, wenn auch verständlich, bleiben die Opfer unbekannt und die elektronisch verstellten Stimmen verleihen den schrecklichen Berichten eine beklemmende Unwirklichkeit.

Saddam und Co zeigen sich sichtlich unbeeindruckt, schaffen sie es doch immer wieder, die Verhandlung zu unterbrechen oder sogar ein heilloses Chaos zu veranstalten, während dem Zuschauer die Galle hochkommt und das Blut in den Adern kocht. Der letzte Richter hat schon längst seine Sachen gepackt, da er nicht Herr seines Gerichtssaals werden konnte. Saddam war und ist immer noch ein gerissener Fuchs, der sich auch weiterhin als rechtmässiger und vorallem gerechter irakischer Präsident betrachtet. Daran werden die traurigen und für uns schockierenden Zeugenaussagen und Beweise nichts ändern. Die Angeklagten wissen selber, wie sie den Irak regiert und mit welchen Methoden sie ihre Bevölkerung terrorisiert haben. Den Zweck heiligen für sie die Mittel.

Es ist bekannt, dass Saddam seine Widersacher auch mitunter selber umbrachte, nicht davor zurückschreckte, seine eigenen Schwiegersöhne ermorden zu lassen und seine Söhne in seinen Staatsführungsmethoden unterrichtete, mit einem Karton Mäuse. Den liess er auslehren und befahl seinen damals noch jungen Söhnen, die Mäuse wieder einzufangen, was sie trotz aller Anstrengungen, um einer möglichen Strafe des Vaters im Falles ihres Versagens, zu entgehen, und wegen dem Verbot, ihn zu entäuschen, nicht schaften. Danach liess Saddam erneut einen Karton Mäuse bringen und schüttelte diesen sehr gewaltig bevor er die Mäuse freilaufen liess. Diesmal konnten seine Söhne die Mäuse mit Leichtigkeit fangen. Der Vater beendete seine Unterrichtsvorstellung mit der Bemerkung, dass man mit der Bevölkerung genauso verfahren müsse, um sie zu kontrollieren und erfolgreich zu regieren. Soweit zu den Regierungstips eines Diktators.

Mir fällt es schwer, angesichts solcher „Beweise“ und meines Geschichtswissens über den Mittleren Osten, zu glauben, dass eine solche Gerichtsverhandlung irgendwelchen Nutzen für den Irak hat, besonders in Anbetracht der eskalierenden Gewalt und des Terrors, von denen dieses Land heute beherrscht werden. Der neue irakische Präsident, Dschalal Talabani, hat schon verllauten lassen, dass er seine Unterschrift nicht unter ein Todesurteil Saddams setzt, würde er doch sein eigenes damit wohlwissendlich selber unterschreiben. Gerechtigkeit wird und kann es für die vielen Opfer wohl nie wirklich geben. Aber ich befürchte, dass sie selber und der Irak auch keinen Frieden finden können, solange Saddam Hussain noch lebt. Doch wie bei den Nazis werden darüberhinaus auch viele seiner Helfer und Mitverantwortlichen entkommen, in dem sie ihren Wirkungsort verlassen, um woanders unbehelligt zu leben und dort ihre Vergangenheit verstecken.

Mittlerweile schalte ich um, wenn die Gerichtsverhandlung Saddams gesendet wird und wünschte mir, dass er doch so ein Ende gefunden hätte wie der romänische Diktator, Nicolae Ceausescu.

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