Der Heiligenschrein

Nadjaf im Irak ist regelmäßig die Stätte eines imposanten religiösen Spektakels mit spirituellem und politischem Hintergrund …

…denn dort befindet sich der Schrein von Imam Ali, des vierten Kalifen in der Nachfolge des Propheten Mohammed und am Todestag des Imams in Ramadan, wie erst vor Kurzem, kommen mehr als zwei Millionen Pilger in die Stadt, auch aus dem Ausland, ungeachtet der hohen Anschlagsgefahr von Terroristen. Da stellt sich die Frage für wen und warum?

Imam Ali Ibn Abu Talib, der Cousin und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, ist laut shiitischer Glaubenslehre der rechtmäßige Nachfolger des Propheten. Trotz (nach shiitischer Auffassung) klaren Anweisungen des Propheten ernannten seine Gefährten nach eigener Abstimmung jedoch Abu Bakr, den Freund und Schwiegervater des Propheten, zu seinem Nachfolger. Die Anhänger oder „Shia“ Imam Ali’s wurden von da an als Abspaltung betrachtet und die Einigkeit der Muslime schon mit dem Tode des Propheten zumindest emotional aufgelöst. Eine kritische Entwicklung, die bis in die heutige Zeit zum Teil schwerwiegende Auswirkungen auf die Muslime hat, theoretisch wie praktisch.

Die Ursprungsfrage nach der rechtmäßigen Nachfolge des Propheten ist heute noch Streitpunkt zwischen den Sekten und hat starken Einfluss auf die politische und theologische Religionsanschauung. Die Mehrheit weltweit sind Sunniten. In der Geschichte oft angefeindet, verfolgt und bekämpft sind die Shiiten nur in einigen islamischen Staaten in der Mehrheit, wie im Iran, Irak und Bahrain. Dieser ursprüngliche Konflikt zwischen Sunniten und Shiiten um die Nachfolge des Propheten ist auch ein Grund dafür, warum sich Muslimbrüder gegenseitig bekämpfen, so auch im heutigen Irak, denn viele Sunniten betrachten die Shiiten sogar als Ungläubige, gleichzusetzen mit den amerikanischen und europäischen „Feinden“ des Islam. Diese theologische Rechtsfrage bleibt deshalb wichtig und von hohem Interesse für viele Muslime und wird auch in verschiedenen Fernsehprogrammen oder Konferenzen unter heftigen und hitzigen Auseinandersetzungen diskutiert.

Im Irak befinden sich zudem die Schreine einer Anzahl von wichtigen religiösen Persönlichkeiten des Islam, allen voran Imam Ali und Imam Hussain, der Sohn Ali’s und seiner Frau Fatima As Sahra, der Tochter des Propheten. Die von allen Muslimen verehrten Familienmitglieder des Propheten starben allerdings nicht den Märtyrertod im Kampf mit Ungläubigen, sondern sie wurden im innerpolitischen Machtkampf von ihren eigenen muslimischen Brüdern getötet, die sie aus dem Weg räumen wollten, um ihre eigene Macht zu stärken. Zu den Todestagen der Imame kommen deswegen jährlich Millionen von shiitischen Pilgern zu den Schreinen, um deren Märtyrertod im Kampf um Gerechtigkeit, Wahrheit und gegen Unterdrückung zu gedenken.

In der Nacht, wenn die Prozessionen abgehalten werden, ragen die beleuchteten, mit Gold und Kristallen verzierten Schreine prächtig und erhaben aus der Dunkelheit hervor, glänzend wie ein riesiger Schatz. Die Pilger nehmen mitunter harte Strapazen auf sich, um an diesen Prozessionen teilzunehmen. Am Vorabend des 21. Ramadan sind die Straßen voll mit Pilgern zum Gedenken an Imam Ali, viele gekleidet in Schwarz, der Farbe der Trauer. Die Pilgerzüge trauern, indem sie in Chören zu unterschiedlichen Gesängen einstimmen, die von Trauer aber auch aktuellen Geschichtsthemen handeln, den so genannten „Assa“, wobei sich viele mit den Händen heftig auf die Brust oder den Kopf schlagen; ein für den ungewohnten Beobachter befremdendes aber imposantes und geräuschvolles Spektakel.

Die emotionsgeladenen und eifrigen Massenbekundungen zur Unterstützung von „Ahlul Bayt“, der Familie des Propheten, die sich dort an jedem Todestag des Propheten oder einer der führenden elf Imame entladen, übertreffen sich von Jahr zu Jahr, besonders seit Ende der Diktaturherrschaft Saddams. Darüber hinaus demonstrieren die Schiiten zu diesen Anlässen in vielleicht von bisher nie gekanntem Ausmaß ihre Entschlossenheit und spirituelle Zugehörigkeit zu der Familie des Propheten gegenüber der sunnitischen Mehrheit, sehr zu derem Ärger.

Die Geschichte der Anhängerschaft des Propheten und seiner Familie ist geprägt von einem Verteidigungskampf mit den Machtinhabern ihrer Zeit gegen Unterdrückung und Tyrannei, der tiefe Wunden in den Beziehungen zwischen den Sekten hinterlassen hat. Ihren Eifer und ihre Hingabe, den die Schiiten so offen demonstrieren, beziehen sie eben aus dieser Geschichte und aus diesen Wunden. Die Bedeutung solcher Traditionen, die die Shiiten in ihren Prozessionen und „Assa“ Traditionen so imposant zur Schau stellen, kann nicht unterschätzt werden, stellen sie doch damit fortdauernd die Wahrhaftigkeit und Rechtmäßigkeit der sunnitisch-islamischen Regierungen in Frage, indem sie immer wieder an die Umstände und politischen Hintergründe der Märtyrertode der geliebten Familienmitglieder des Propheten und deren treuen Gefährten erinnern.

Dieser Sektenstreit ist (seit nunmehr fast 1400 Jahren) auch Ursache für mitunter gewalttätige Auseinandersetzungen und schreckliche menschliche Verluste auf beiden Seiten, die den Shiiten als Minderheit oft schwer zusetzen, zum Beispiel bei den Massakern an der shiitischen Bevölkerung durch die ehemalige irakische Diktaturregierung oder den zahlreichen Selbstmordanschlägen im derzeitigen Irak in Gebieten mit hoher shiitischer Bevölkerung, meist ausgeführt von sunnitischen Extremisten.

Obwohl shiitische Führer (darunter Sayed Hassan Nasrallah und Sayed Fadlalla im Lebanon, Sayed Sistani im Irak oder Sayed Ali Khamanai im Iran) immer davor warnen, die Provokation seitens einiger sunnitischer Fanatiker und die Eskalation der Gewalt im Irak nicht zum Anlass für einen neuen Bürgerkrieg zu nehmen, sondern auf die Einigkeit aller Muslime dringen, ist die Situation sehr gefährlich. Eine sunnitische Gruppe, die ebenso zum ursprünglichen Islam zurückzukehren anstrebt, sind die Wahabiten aus Saudi Arabien (entstanden durch deren Begründer Mohammed Ibn Abdel Wahab, etwa 1703 bis 1791). Zu ihnen zählt auch Osama bin Laden & Co. Sie sind keine Freunde der Shiiten, um es milde auszudrücken, sondern betrachten diese als Abtrünnige, weswegen die Shiiten unter wahabitischen Regierungen (wie in Saudi Arabien und den Taliban im ehemaligen Afghanistan) unter strenger Beobachtung und Kontrolle stehen. Umso verwunderlicher war es, dass der strategische Sieg der shiitischen Hezbollah in dem jüngsten Krieg mit Israel im Lebanon zum ersten mal von einzelnen Persönlichkeiten der Wahabiten mit zurückhaltender Unterstützung kommentiert wurde.

Die Differenzen scheinen allerdings zu gewaltig, als daß sie einfach beigelegt werden, oder dass sich beide Seiten einigen könnten. Ein Konflikt, der die Gemeinschaft der Muslime auf verschiedenen Ebenen sehr negativ beeinflusst und damit auch schwächt. Der anhaltende Konflikt zwischen den Sekten kommt aber besonders denen zu Gute, die daran interessiert sind, die politischen Strukturen zwischen den Muslimen aufzumischen und deren Macht zu destabilisieren, um somit den Raum für ihren eigenen Einfluss in islamischen Ländern zu vergrößern. Auch das ist ein Thema bei den Prozessionen in der Nacht vor den Schreinen der Imame, ein beeindruckendes Spektakel mit nicht nur spirituellen, sondern eben auch politischen Hintergründen – eine Art Treueid an den Propheten und die Imame, einschließlich dem möglichen Märtyrertod des Pilgers bei einem Terroranschlag als Pfand.

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