Bedrohung „islamischer“ Terrorismus

Ein Blick auf mögliche Hintergründe

Das Wertvollste, das ich in meinem Studium in England, das ich 1987 an der Uni London began, erfahren durfte war das Kennenlernen der vielen Studenten aus allen Kontinenten der Erde, unterschiedlicher Nationalität und Religionszugehörigkeit; ein sehr spannender aber auch sehr bewegender Lebensabschnitt.

Bei meinem ersten Studententreff eines internationalen Studentenclubs in London sah ich ein sehr nettes Pärchen, das mich anlächelte. Wir waren alle dort, um Kontakte zu knüpfen und so frug ich sie, woher sie denn kämen. Ihre Antwort war Israel. Diese Studenten waren die ersten Israelis und wahrscheinlich auch Menschen jüdischen Glaubens, die ich bewusst in meinem Leben traf und ich fühlte ich mich sofort sehr beschämt und dieses schreckliche Schuldgefühl lähmte mich. Mir war meine Anwort auf mein Herkunftsland so unangenehm, aber das nette Pärchen war so freundlich und zu meiner Erleichterung, schienen sie gar keine Probleme damit zu haben, dass ich Deutsche bin.

Ich begegnete vielen netten Menschen und es gab dabei auch immer wieder einen Grund, über andere Sichtweisen zu reflektieren. Zu Zeiten der ersten Intifada bekam ich zufällig ein Gespräch unter Studenten mit, an dem auch palestinensische Studenten beteiligt waren. Einer von ihnen vertrat die Meinung, es sei total krank, wenn einige Araber die Deutschen ausgerechnet für ihre Nazivergangenheit schätzen würden. Das habe nämlich zur Folge, dass dieses Volk, an dem sich die Deutschen versündigt hätten, nun glaubte, sich deswegen seit 1948 an seinem Volk versündigen zu können, während die Welt einfach nur zusah. Ich fühlte mich irgendwie unangenehm berührt, dabei kam ich doch erst 1965 zur Welt.

In einer weiteren Freundschaft mit einer Marokkanerin in meinem Studentenjob erfuhr ich auf meine Frage, warum Araber aus dem Golf ihr Arabisch etwas belächelten, dass die Franzosen in der Kolonialzeit ihres Landes Marokko Arabisch in den Schulen verboten hatten und dass deswegen viele ein gepflegteres Französisch sprechen würden. Ich war geschockt, was haben die Franzosen den Arabern verboten in der Schule zu sprechen, ihre eigene Muttersprache? Im Leistungskurs Geschichte und Französisch hatte ich andere Eindrücke von meinen sehr verehrten Landesnachbarn gehabt. An das Land der „1 Millionen Märtyrer“, gemeint ist Algerien während der Befreiung aus französischer Kolonialherrschaft, konnte ich mich auch nicht aus dem Unterricht erinnern. Wenn ein Land einem anderen so etwas antut, praktiziert es nicht auch eine Form von Extremismus oder Fanatismus, der nur in diesem Fall von Europa ausging? Ist er deshalb aber besser oder vielleicht gerechtfertigt?

Im berühmten Hyde Park wurde einmal meine Aufmerksamkeit auf eine grosse Menge gelenkt, die sich um einen Pakistani tummelte, der (wie ich später erfuhr) mit einer Britin verheiratet war und es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Menschen über ihr Denken nachdenken zu lassen; auf eine sehr nette Weise. Er pickte sich ein weiss-blondes Gesicht aus der Menge und frug, woher der Herr denn käme. Der antworte mit Australien. Der Pakistani tat verwundert, ob die Australier denn nicht dunkelhäutige Menschen mit gelockten Haaren seien. Der Australier erwiderte, dass das die Aborigines seien, die nur zufällig vor den Australiern da gewesen wären. Der Pakistani stimmte ihm grossmütig zu, denn in Grossbritannien würde es sich ähnlich verhalten. Das gehöre nämlich jetzt den Pakistanis und die Briten seien nur zufällig vorher da gewesen. Die Leute mussten laut lachen. Lachten sie über sich selbst, oder weil ihnen plötzlich die Absurdidät der westlichen Überzeugung bewusst wurde?

Auch traf ich waschechte Studenten aus Südafrika, einige Weisse und andere Schwarze, die zwei verschiedene Landessprachen hatten. Ich weiss nur noch, dass ich mich über die Ähnlichkeit der weissen Sprache (ausgerechnet namens „Africans“) mit Holländisch wunderte. Die Geschichte Afrikas war nie ein Thema, das ausführlich genug behandelt wurde. Von Apartheit hatte ich gehört, aber erst als ich die Menschen aus diesem Land traf wurden mir ihre schrecklichen Leiden bewusst.

Heute müssen wir wieder Leiden mit oder selbst erleben, für die eine Menge von Umständen verantwortlich gemacht werden, die uns hauptsächlich unter dem Namen „islamischer/islamistischer Terrorismus“ bekannt sind. Eine kurze Anmerkung möchte ich mir erlauben in Bezug auf solche Terroristen oder solchen Terrorismus, die für mich weder islamisch noch islamistisch sind, weil sie diesem Prinzip absolut widersprechen und es deshalb auch nicht verdienen, so bezeichnet zu werden, und wodurch diese brutalen Mörder eine Bestätigung erhalten. Diese Menschen sind blutrünstige Fanatiker, die genauso viel mit dem Islam gemeinsam haben wie President George Bush mit den Barmherzigen Samaritern, und die vorallem auf eins aus sind – Rache, in einem Machtkampf für den die übrigen Menschen den viel zu hohen Preis zahlen. Wir dürfen nicht vergessen, dass es solche Leute schon lange gibt, die im Namen ihrer Religion Terror betreiben, sogar innerhalb der eigenen Religion, wie z.B. die Katholiken und Protestanten in Nordirland, die deshalb keine „christlichen“ Terroristen sind. Ihre Beweggründe sind politisch, auch wenn sie noch so religiöse Reden schwingen und anderen und sich selbst das Gegenteil weismachen wollen, indem sie sich unter dem Mantel ihrer Religion verstecken.

Als deutsche Muslimin befasse ich mich natürlich auch ständig mit diesem Thema und informiere mich so ausführlich ich kann. In den Artikeln, die ich in der deutschen Presse und von anderen Autoren darüber finde, werden schnell viele Dinge in einen Topf geworfen, angefangen von Integrationsproblemen der türkischen/türkisch-stämmigen Muslime in Deutschland, über deren psychopathischen Hasspredigern und das Festhalten an alten, frauenfeindlichen Traditionen (denen sie irreführender Weise den Berechtigungsstempel des Islam aufdrücken wollen), bis hin zu machtpolitischen Interessen islamischer Länder wie die Diskussion über den Atomstreit mit dem Iran, die leider nur dazu führen, die Angst der Menschen zu vergrössern, anstatt eine vernünftige Auseinandersetzung mit den verschiedenen Themen zu fördern.

Da ich in Arabien wohne, höre ich die Menschen natürlich auch hier diskutieren. In einer Talkshow im Fernsehen verlor ein Diskussionsteilnehmer die Fassung als er wütend frug, warum immer nur die Muslime oder Asiaten die Terroristen seien, die nicht für die blutigen Kreuzzüge verantwortlich gewesen wären, die nicht Atombomben auf Japan und keine Napalmbomben auf Vietnam geworfen hätten und auch nicht die Länder der dritten Welt wegen ihrer Bodenschätze kolonialisiert hätten und bis heute wirtschaftlich ausnützen würden; sei das denn kein Terrorismus? Ganz zu schweigen von der Art und Weise, den Irak von Saddam Hussain zu befreien, die zu noch mehr Blutvergiessen und unaussprechliches Leid geführt hätten.

Was diese emotionalen Argumente vorallem verdeutlichen ist, dass die vereinzelte „Zustimmung“ aus islamischen Ländern für den heutigen Terror eine Art „Sich-Luftmachen“ ist nach langer Zeit der Diskriminierung und Kolonialisierung, nach dem Motto „jetzt könnt ihr mal sehen wie das ist“. Dieses Denken ist ganz sicher falsch, aber wir müssen verstehen, es kommt hauptsächlich aus dem „Bauch“ heraus und basiert deshalb nicht auf islamischem Gedankengut. Im Gegenteil, der islamische Klerus und die absolute Mehrheit der Muslime verurteilen solchen Terror immer wieder auf das Schärfste (wovon leider nicht sehr oft in den westlichen Medien berichtet wird), weil der Islam dies selbstverständlich nicht nur verbietet, sondern weil es dem Ruf der Muslime auch äussert schadet.

Ich denke aber auch durch viele Gespräche mit Menschen, die in der islamischen Welt leben, dass sie mindestens genauso viel Angst haben wie die Menschen im Westen vor ihnen. Beide Seiten haben ein Bild der Bedrohung durch den Anderen und wollen sich natürlich davor schützen. Beide Seiten haben ihre Gründe und die Ängste, die sich mit den Jahren aufgebaut haben, müssen erst mal von der anderen Seite wahrgenommen werden. Mal abgesehen von dem eigenen Anteil der schlechten Lebensverhältnisse in der Dritten Welt, kann das Unrecht, was deren Völker durch die Kolonialmächte erfahren haben, und die Einmischungspolitik der USA und anderer westlicher Staaten nicht mit der enormen Entwicklungshilfe des Westens für sie entschuldigt werden. Im Koran heisst es: „Wer auch nur eines Stäubchens Gewicht Gutes tut, der wird es sehen. Und wer auch nur eines Stäubchens Gewicht Böses tut, der wird es sehen“ (Sure 99, Vers 7 & 8). In dem Betriebspädagogikstudium meiner Schwester vor einigen Jahren, erwähnte ein Dozent, der ehemaliger Leiter mehrerer Goetheinstitute war, im Zusammenhang mit dem Thema Gerechtigkeit, dass wir (im Westen) dumm wären, wenn wir wirklich glauben würden, dass die Dritte Welt uns nicht irgendwann das heimzahlen werde, was wir ihnen angetan hätten. Ich hoffe inständig, der 11. September 2001 war nicht der erste Zahltag!

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